Parlament – Haus der Demokratie

Seit dem 18. Jh. befand sich hier der Paradeplatz. Ein militärisches Übungsgelände, frei von Pflanzen oder Straßen, ein echter Exerzierplatz. Bei Trockenheit war die Staubbelästigung enorm und bei Regen versank man im Morast. Erst 1863 entschloss man sich Grasflächen und Feldwege anzulegen. Im Zuge der Ringstraßenplanung verlegte der Bürgermeister Cajetan Felder das Militärgelände auf die Schmelz und Kaiser Franz Josef I. genehmigte den Bau des Reichsratsgebäudes, des Rathauses und der Universität auf diesem Grund.

Im September 1874 erfolgte die Grundsteinlegung für das Reichsratsgebäude. Der in Kopenhagen geborene Architekt Theophil Hansen erhielt 1869 den Auftrag. Neben dem Entwurf für das Gebäude konzipierte er die gesamte Ausstattung bis hin zu den Möbeln selbst. Dauerte die reine Bauzeit des Parlamentsgebäudes ein Jahrzehnt, nahm die Ausgestaltung drei weitere Jahrzehnte in Anspruch. Hansen überwachte noch bis zu seinem Tode im Jahre 1891 alle Arbeiten.

Er errichtete ein Gesamtkunstwerk in Bedeutungsarchitektur: Das Parlament sieht wie ein antiker griechischer Tempel aus, da Griechenland die Wiege der Demokratie ist. Allen Elementen des Hauses

– von der Türklinke bis zur Göttin Pallas Athene vor dem Parlament – gab Hansen in seiner Planung eine Bedeutung. Symbolhafte Bedeutung hat auch die Verwendung von Materialien aus fast allen Kronländern der Monarchie, die das Zusammenwirken aller Kräfte im Reichsrat versinnbildlichen sollte.

Autarkie in den Versorgungseinrichtungen, modernste Technik, ein bis ins kleinste Detail durchdachtes monumentales Bauwerk, bei dem Architektur, Bildende Kunst, Malerei und Handwerk ein harmonisches Ganzes bilden, waren das Ziel. Der plastische Schmuck an der Fassade und im Inneren verdeutlichen die Gewaltentrennung der gesetzgebenden Gewalt und der ausübenden Gewalt sowie die Grundideen der Demokratie. So weist der Athenebrunnen vor dem Parlamentsgebäude auf die Gewaltentrennung als ein Grundprinzip des modernen Rechtsstaates hin. Als Sinnbild des Schönen, Wahren und Guten verkörperten weibliche Allegorien die hohen moralischen Ansprüche der vom Volk ausgehenden Staatsmacht.

Da im 19. Jh. nur Männer am politischen Leben beteiligt waren, wird das Weibliche überhöht und idealisiert, um dann als Idealbild der patriarchalen Ordnung selbst zu dienen. Frauengestalten in der Kunst symbolisieren das abstrakte Prinzip, die „Natur“ des Dargestellten. Die griechische Göttin Pallas Athene in der Mitte des Brunnens, soll die Staatsweisheit verkörpern. In ihrer ausgestreckten Hand symbolisiert die goldene Figur der Göttin Nike den Erfolg der Hüterin des Parlaments und damit die Überlegenheit des Parlamentarismus. Gleich acht Mal sieht man die Siegesgöttin Nike auf dem Dach des Parlaments als kraftvolle und dynamische Lenkerin der Pferdegespanne als Zeichen des Wunsches nach göttlicher Gunst für die parlamentarische Tätigkeit.

Am Beginn der Rampe, die zum Parlament führt, findet man vier Standbilder, die „Rossebändiger„. Sie stellen einen unübersehbaren Appell an die Abgeordneten dar, im Hohen Haus ihre politischen Leidenschaften zu mäßigen und mahnen den Grundsatz demokratischer Auseinandersetzungen ein: Unterschiedliche Auffassungen sollen mit Argumenten und nicht durch Hass oder Mittel der Gewalt überwunden werden.

Die Auffahrtsrampe des Parlamentsgebäudes zieren acht aus Marmor gemeißelte Sitzstatuen antiker Geschichtsschreiber. Diese Geschichtsschreiber sollen symbolhaft die Abgeordneten vor dem Eintritt

 

in das Parlamentsgebäude daran erinnern, dass ihre Tätigkeit im Parlament vor dem Urteil der Geschichte und der kommenden Generationen Bestand haben muss.

Time Travel Tipp: Das Parlament am Ring ist derzeit eine Baustelle und wird voraussichtlich erst Ende 2021 nach erfolgter Sanierung in Betrieb gehen. Das Ausweichsquartier finden Sie am Josefsplatz in den ehemaligen Redoutensälen. Das Parlament kann gratis besichtigt werden!

Mehr Infos: Führungen (parlament.gv.at)

 

 

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