Gänsehäufel

Auch in Wien war Anfang des 20. Jh. noble Blässe – erhalten unter Sonnenschirmen – das Schönheitsgebot. Kirche wie Ärzte waren sich einig so wenig Haut wie möglich der Sonne auszusetzen. Doch dann kam Florian Berndl. Im Waldviertel geboren, Sohn einer naturkundigen Hebamme, kam er als Krankenpfleger ins Allgemeine Krankenhaus nach Wien und erkannte: Sonne, Luft und Wasser braucht der Mensch um gesund zu bleiben.

Davon hatten die Wiener damals tatsächlich wenig. Enge, triste Wohnungen, lange Arbeitszeiten und mangelhafte Hygiene setzten der Wiener Bevölkerung zu.

Bei Wanderungen fiel ihm eine Insel in der Alten Donau auf, die er 1900 um jährlich 15 Gulden pachten konnte. Er zog mit seiner Frau und seinen Söhnen dort in eine Strohhütte und begann, seine Vorstellungen von einer natürlichen Lebensweise zu verwirklichen. Freiheit für Körper und Geist war seine Devise.

Gegen Eintritt konnte man mit ihm Sandbäder, Schlammpackungen, Kräuterheilbäder oder Massagen, Pediküre und Waschungen genießen. Über eigens gedruckte Ansichtskarten und Prospekte wurde eine Art Kur und Körperpflege angeboten. Es wurden immer mehr Berndl-Jünger, Männer und Frauen, die in sogenannten „Sittlichkeitskleidern“, schlichte kurze Hose für ihn, lose fallendes Hemd für sie oder gar im Adamskostüm (!) Luftbäder genossen und sich in der Alten Donau gemeinsam erfrischten.

Es dauerte nicht lange und die ehrenwerte Wiener Gesellschaft empörte sich über das skandalöse und sittenlose Treiben am Gänsehäufel. Dort, wo früher die Bauern ihre Gänse weideten war nun ein Kurort entstanden, der immer unübersichtlicher wurde. Es war geradezu schick geworden, sich auf der

„Sündeninsel“ über die Moralvorstellungen jener Zeit hinwegzusetzen und moderne Aufgeschlossenheit zu beweisen.

Als er Erfrischungen an das Publikum verkaufte und keine Genehmigung vorweisen konnte, annullierte die Stadt 1905 schnell seinen Pachtvertrag. 1907 war aus dem ehemaligen Naturparadies ein öffentliches Strandbad geworden. Berndl kehrte als Badewärter zurück.

Er gründete noch die erste Kleingartensiedlung an der Alten Donau und nannte sie „Neu-Brasilien“. Doch das Projekt entglitt ihm und der „Erste Wiener Lust- und Nutzgartenverein“ machte sich selbständig. Berndl wurde zunächst Oberbadewärter im Gänsehäufel, später auch Aufseher über die dort errichtete Kindererholungsstätte für sozial bedürftige und kranke Kinder. Trotz Verbotes fuhr er mit seinen eigenwilligen Naturheilverfahren fort, was 1913 in einer Verurteilung wegen Kurpfuscherei endete und zu seiner Entlassung und Delogierung führte.

Das Gänsehäufel wurde zum Lieblingsbad der WienerInnen. 46.000 m² Wiesenfläche, 305 m langer Sandstrand, schicke Strandkörbe, Wasserrutschen und Turngeräte wurden geboten. Das Bad war für 600 Besucher konzipiert. Oft wurde schon am Praterstern die blaue Flagge gehisst, um anzuzeigen, dass eine Weiterreise keinen Sinn hatte: das Bad war bereits ausgelastet.

Die Badekarte kaufte man bereits am Kaisermühlner Ufer. Ein sauberes Handtuch war im Preis inkludiert. Hohe hölzerne Zäune trennten als Sichtschutz den Bereich für Frauen von dem für Männer und dem für Familien. Das Familienbad stand auch kinderlosen verheirateten Paaren offen. Ein Trauschein musste nicht vorgelegt werden …

1911 zählte man 400.000 Gäste. Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben, aber es blieb die Möglichkeit sich in das Damen- bzw. Herrenbad zurückzuziehen. Kapellen spielten zum 5-Uhr-Tee, Tanz, Modeschauen, Kabarett, Tennis und Tischtennis sowie Restaurants verwöhnten die Badegäste.

130 Fliegerbomben beendeten im 2. Weltkrieg diese Ausstattung. Doch bereits 1950 wurde es wiedereröffnet. Größer und schöner denn je, mit 330.000 m², einem neuen Wellenbad – das erste in ganz Europa – und zahlreichen Spiel- und Sportstätten. Nur der Sand war Wiesen gewichen, fast bis zum Wasser. Seit 1981 gibt es auch ein offizielles FKK-Gelände mit eigenem Restaurant…

Über 7 Millionen Euro kostete die Generalsanierung 2004. Heute ist es ein modernes Aktivitätszentrum mit einem Hochseilklettergarten. 31.533 Besucher wurden am 22. Juni 2016 gezählt.

Time Travel Tipp: Ein Sommerbad im Strandbad Gänsehäufel ist sehr zu empfehlen, besonders der Weststrand, wo sie in dem Naturwasser der Alten Donau schwimmen können und einen tollen Sonnenuntergang der modernen Skyline Wiens sehen könne. Das Bad ist im Sommer bis 20h geöffnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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