An Lavend’l kauft ’s ma o!

Wie erreicht man seine Kunden um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu verkaufen, wenn es weder Computer, noch Fernsehen oder Radio gibt? Über viele Jahrhunderte kamen die Hausierer und boten ihre Ware an.

Wie erreicht man seine Kunden um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu verkaufen, wenn es weder Computer, noch Fernsehen oder Radio gibt? Über viele Jahrhunderte kamen die Hausierer und boten ihre Ware an. Aber durch ein Patent vom 8. April 1771 war in Wien das Hausieren verboten. Nun griffen auch die WienerInnen auf eine Methode zurück, die in vielen europäischen Metropolen schon ab dem 16. Jh. populär war: den Kaufruf. Die Straßen Wiens waren im 18. Jh. im Großen und Ganzen noch Fußgängerzonen. Das Leben spielte sich auf der Straße ab. Handwerker verkauften Ihre Waren vor ihrem Geschäft, Händler nützten die Marktplätze und Bauern kamen mit Lebensmitteln in die Stadt und boten sie ebenfalls auf Straßen und Plätzen an. Hauptsächlich aber waren fahrende Händler unterwegs, die ihre Waren, meist Stoffe, Bekleidung, Haushalts- und Toiletteartikel, aber auch Lebensmittel in einem Korb, Bauchladen, Binkel oder einer Butte trugen. Es gab auch Anbieter von Dienstleistungen wie Scherenschleifer, Rastelbinder oder Holzhauer. Einige veranstalteten Belustigungen wie Musikanten, Gaukler, Taschenspieler, Leierkasten- oder Guckkastenmänner. Die sozial am tiefsten Stehenden aber waren die Trödler oder Aschenmänner, während die Lumpen- und Abfallsammler bereits den Bettlern gleichgestellt waren. Alle diese Berufsgruppen machten die WienerInnen durch einen seit Jahrhunderten feststehenden, für jede Sparte spezifischen „Ruf" auf sich aufmerksam, der jeweils nach einer bestimmten Melodie gesungen wurde. Diese charakteristisch gesungenen Anpreisungen bestimmter Waren blieben über die Generationen nahezu unverändert. Dadurch konnten sie sofort unterschieden und erkannt werden. Diese charakteristischen Melodien und Lieder kann man noch heute im Archiv des Wiener Volksliedwerk hören. Auch die jeweilige auffällige Tracht diente den WanderhändlerInnen als Reklame für die Landeserzeugnisse. Sie war ein Herkunfts- und Gütezeichen und stärkte auch das Selbstbewusstsein der TrägerIn. Männer und Frauen waren gleichermaßen vertreten, doch nahm der Anteil der Frauen in dem Maß ab, als die Tätigkeit höher bewertet wurde. Vor allem alte Frauen oder Arbeitsunfähige kämpften mit einem harten Arbeitstag, der von bitterer Armut und extremer körperlicher Belastung geprägt war. Es gab keinerlei soziales Netz, das den Menschen ein würdiges Leben in Krankheit oder Alter oder Arbeitslosigkeit ermöglichte. Bis zum letzten Atemzug musste man sich selbst versorgen. Umso wichtiger war es für das fahrende Volk, mögliche Kunden auf sich aufmerksam zu machen.Die Industrialisierung und die Vermehrung der Verkaufsgeschäfte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. trieben zahlreiche Straßenhändler in die Fabriken, einige wenige vermochten sich im Klein- oder sogar Großhandel zu etablieren. Nach der Eingemeindung der Vororte, 1890 – 1892, ging die Zahl der „Kaufrufer" entscheidend zurück, nach dem Ersten Weltkrieg verschwanden sie mehr und mehr aus dem Straßenbild, doch boten sie ihre Dienste noch in Häusern an wie beispielsweise Scherenschleifer, Kesselflicker, Rastelbinder oder Hadernsammler. Zuletzt verblieben sind Maronibrater und Lavendelverkäuferinnen, ergänzt durch die neu auf den Straßen auftretenden Zeitungsverkäufer. 

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