500 Jahre Luther in Wien

Wussten Sie, dass eines von drei noch erhaltenen Exemplaren des Erstdrucks der 95 Thesen Luthers ebenso wie die Originalurkunde des Augsburger Religionsfriedens in Wien aufbewahrt werden? Oder wussten Sie, dass Huldrych Zwingli an der Universität Wien studiert hatte bevor er in Zürich die Reformierte Kirche gründete?

Wussten Sie, dass eines von drei noch erhaltenen Exemplaren des Erstdrucks der 95 Thesen Luthers ebenso wie die Originalurkunde des Augsburger Religionsfriedens in Wien aufbewahrt werden? Oder wussten Sie, dass Huldrych Zwingli an der Universität Wien studiert hatte bevor er in Zürich die Reformierte Kirche gründete? Wien war zu Beginn der Kirchenreformation Luthers fast einheitlich zur neuen Lehre übergelaufen.Die Habsburger Herrscher hatten eine traditionell enge Bindung an die katholische Kirche. Sie sicherten sich über Jahrhunderte hinweg gegenseitig ihre Macht. Doch das war nicht immer so. Zur Zeit des Bekanntwerdens der Thesen Luthers waren die Voraussetzungen für die Verbreitung der neuen Lehre in Wien günstig. Der Buchdruck war gerade aufgekommen und Wien gehörte seit 1469 nicht mehr zum Bistum Passau. Schon in den Jahren zuvor wurde immer wieder, auch vom bischöflich-passauischen Offizial in Österreich unter der Enns, Kritik an den Missständen von Mönchstum und Ablass geäußert. Das Mönchtum war geprägt von Hochmut, Geiz und Zügellosigkeit. Viele Priester verstanden es, die tief gläubigen Menschen in Angst und Schrecken vor der drohenden Hölle zu halten. In all den vielen Seitenkapellen der Wiener Kirchen wurden gegen Geld ständig Messen gelesen um das Seelenheil des Spenders und seiner Ahnen zu sichern. So wundert es nicht, dass es auch in der Kirche selbst kritische Stimmen zum Ablass gab. In der Michaelerkirche unterstützte der Pfarrer ebenfalls diese Kritik und in der Peterskirche stellte ein Franziskaner die Auswüchse der Reliquienverehrung in Frage. Im Stephansdom predigte Paulus Speratus gegen Klosterwesen und Zölibat. 1520 verweigerten die Wiener Universität und der Wiener Bischof die Veröffentlichung der päpstlichen Bannbulle gegen Luther. 1522 wurde Speratus von der Wiener theologischen Fakultät exkommuniziert und aus Wien ausgewiesen Der 1522 aus Spanien kommende Erzherzog Ferdinand übernahm unruhige Besitzungen. Sie waren nicht nur untereinander stark zerstritten, sie begehrten auch gegen die Habsburger auf. Man stand dem Fremden Ferdinand, der nicht einmal die deutsche Landessprache beherrschte und von ausländischen Beratern umgeben war, misstrauisch gegenüber. Die Erblande waren faktisch bankrott und die hohen Abgaben, die zur Entschuldung eingehoben wurden, brachten Erzherzog Ferdinand keine Sympathien. Es kam in Wien zum Aufstand in dessen Folge Ferdinand nach Wiener Neustadt fliehen musste. Viele Wiener Aufrührer wurden im sogenannten „Wiener Neustädter Blutgericht“ hingerichtet. Das selbstbewusste Wien verlor zahlreiche alte Privilegien und Rechte. Als er sich 1527 in seinem „Großen Ketzermandat“ gegen die schriftliche Verbreitung von Luthers Lehren wandte, leistete die Niederösterreichische Regierung gegen den Befehl Widerstand. Vorschläge zur Eindämmung des Luthertums wurden nicht erstattet. Widerstand gegen die katholischen Habsburger war in jeder Form willkommen. 1529 standen die Osmanen das erste Mal vor den Toren Wiens und nötigten mit ihrer ständigen Bedrohung Erzherzog Ferdinand zu Zugeständnissen gegenüber dem Protestantismus. Er war auf Geldzuwendungen und Truppenbewilligungen des überwiegend protestantischen Adels angewiesen. Verordnungen gegen die neue Lehre blieben wirkungslos. Der Adel hielt sich nicht daran. Im Heiligen Römischen Reich aber blieben die habsburgischen Erbländer und Bayern katholisch. Da auch die bürgerlichen Stände zum Luthertum neigten, richtete sich die landesfürstliche Gewalt vorerst gegen einzelne bürgerliche Lutheraner. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555  wurde durch Ferdinand I., inzwischen römisch-deutscher König,  eine religiöse Koexistenz auf territorialer Grundlage geschaffen. Gemäß dem Grundsatz „cuius regio, eius religio", der Herrschaftsinhaber bestimme die Religion der Untertanen, trat der erste Religionsfrieden in Kraft. Ferdinand´s Sohn Maximilian II. hatte einen protestantenfreundlichen Lehrer und trat früh mit protestantischen Fürsten in Verbindung. Aber aus machtpolitischen Überlegungen und Familienräson hielt er offiziell an der katholischen Lehre fest. Allerdings gewährte er dem Adel Österreichs unter der Enns 1568 und 1571 die Ausübung der evangelischen Konfession auf ihren Gütern. Die Bürger landesfürstlicher Städte, an ihrer Spitze Wien, für die dies nicht galt, besuchten massenweise die lutherischen Gottesdienste in Adelsschlössern der Umgebung wie Schloss Hernals, das der 2. Türkenbelagerung zum Opfer fiel und sich am heutigen Elterleinplatz befand, oder Gut Inzersdorf und Schloss Rodaun der protestantischen Familie Landau, heute die katholische Schule Sta. Christiana. Dieses Phänomen wurde als „Auslaufen" bezeichnet. Zu seiner Zeit erlebte der Protestantismus in Wien den Höhepunkt seiner Bedeutung. Katholische Gottesdienste wurden nur noch spärlich besucht, ein Teil der Kirchen und Klöster war von protestantischen Prädikanten besetzt oder leerten sich. Für die sich zum Protestantismus bekennenden Fürsten bot sich die Möglichkeit, die Kontrolle über die Kirche in ihren Gebieten zu erlangen und die kirchlichen Besitzungen zu säkularisieren. Von 1520 bis 1600, also zwei Generationen lang, waren der Adel und ein Großteil von Wiens Bürgertum evangelisch. 1557 hatte Wien in der Person des Sebastian Hutstocker sogar kurzfristig einen protestantischen Bürgermeister. Maximilian II. umgab sich mit Protestanten. Er hatte einen protestantischen Leibarzt und einen protestantischen Hofprediger, dem er in seiner Augustinerkirche zuhörte. Am Sterbebett nahm er das Abendmahl in beiderlei Gestalt, Brot und Wein, als Ausdruck protestantischer Gesinnung. Nach dem Tod Kaiser Maximilians II. wurde die Situation für die Protestanten jedoch schwieriger. Unter seinem Sohn Rudolf II. setzten Maßnahmen zur Rekatholisierung ein. Im Zuge der Gegenreformation wurden im 17. Jh. die evangelischen Adeligen als Träger der Reformation entmachtet und vertrieben. Den Herren von Schloss Hernals aus dem oberösterreichischen und mächtigen Hause der Jörger wurde 1622 das Lehen entzogen und sie mussten aus Wien fliehen. Evangelische konnten ihren Glauben nur noch im Geheimen leben. Erst mit dem Toleranzpatent von 1781 konnten wieder evangelische Gemeinden entstehen und eine neue Epoche beginnen. Die Jörgerstraße erinnert heute noch in Hernals an die einst einflussreiche protestantische Adelsfamilie.

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